Sonntag, 26. Dezember 2010

Warum wir über den Islam nicht reden können (7)

Wenn Gott tot ist, ist alles verboten

Hinter der entspannten Haltung des heutigen „Ungläubigen“ gegenüber der Religion steckt also Angst.


Marquis de La Fayette, Mitverfasser der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte




Aber kann man sich vor etwas fürchten, woran man nicht glaubt? Gott, sagt Jaques Lacan, ist nicht tot, sondern unbewußt. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Für den Psychoanalytiker - und Atheisten - Lacan ist Gott nichtsdestotrotz tot. „Gott ist unbewußt“ ist denn auch zusammen mit einer anderen Lacan’schen Formel zu lesen: „Wenn Gott tot ist, ist alles verboten“. Gottes Tod hat keineswegs zur Folge, daß nun – wie Dostojewski Iwan Karamasow sagen läßt – alles erlaubt wäre. Im Gegenteil. Der tote Gott lebt als Untoter in unserem Unbewußten und reguliert mit einer Fülle von Ge- und Verboten alle Lebenbereiche. Von der Politik über die Sexualität bis zur Ernährung. Und knechtet uns weit effektiver als es der „lebendige“ je vermochte.


Dieser unbewußte, untote Gott, der uns in das Korsett sexueller und politischer Korrektheiten zwängt, der uns gebietet, aus unseren Körpern schöne und schlanke Hochleistungsmaschinen zu machen - dieser selbe Gott verbietet es uns auch, ernsthaft (und ernsthaft ist ein anderer Name für kritisch) über Religion zu reden. Religionskritik, eines der Leitmotive der Moderne, erscheint in Zeiten religiöser Nonchalance als überholt.
Daß es so gekommen ist, hat nicht zuletzt mit einer eigentümlichen Dialektik der Aufklärung - der Wiege der modernen Religionskritik – zu tun. Die Absage der von den Aufklärern formulierten Religionskritik am Absolutheitsanspruch der Religion mündete nicht etwa in die Freiheit von Religion, sondern in sogenannte Religionsfreiheit.

Niemand soll wegen seinen Anschaungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die […] öffentliche Ordnung stört,

heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, verabschiedet von der französischen Nationalversammlung wenige Wochen nach dem Sturm auf die Bastille. Die Religionsfreiheit, die hier gemeint ist, ist die Freiheit des Einzelnen in religiösen Dingen, die selbstverständlich auch die Freiheit von Religion mit einschließt. Aber von Anfang an scheint im Begriff „Religionsfreiheit“ eine andere – dieser Vorstellung entgegengesetzte - Bedeutung mitzuschwingen: Religionsfreiheit nicht als Freiheit des Einzelnen gegenüber der Religion, sondern als die Freiheit der Religion gegenüber dem Einzelnen, als Anrecht der Religion (und das heißt spätestens seit der Aufklärung: aller möglichen religiösen Überzeugungen) nicht nur auf Toleranz, sondern auf Respekt, Anerkennung, Achtung. Und unmerklich scheint es hier in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten zu einer Akzentverschiebung gekommen zu sein. Von ersterer zu zweiterer Bedeutung. Von hier aus – dem Anspruch aller möglichen religiösen Überzeugungen auf Anerkennung und Achtung - ist es nicht weit zu der heute vorherrschenden Tendenz, religiöse Überzeugungen aller Art, ohne Rücksicht darauf, ob und wie sehr sie zu den Grundlagen der Demokratie und der Menschenrechte im Widerspruch stehen mögen, sakrosankt zu stellen. Wenn Gott tot ist, ist jede Religion heilig.

Religionsfreiheit heute

Im April 2007 gab die deutsche Bundesregierung in Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage die Anzahl der Moslems in Deutschland mit rund 3,4 Millionen an. Als Moslems werden alle Migranten gezählt, die aus einem „mehrheitlich moslemischen Land“ stammen - bzw. alle deutschen Staatsbürger mit einem entsprechenden Migrationshintergrund. Die Existenz von aus „mehrheitlich moslemischen Ländern“ stammenden Anhängern anderer Religionen sowie nicht-religiöser Menschen wird in Deutschland also von Amts wegen verleugnet. In Österreich ist die Zähl-Praxis der Behörden nicht anders. Was dabei zusätzlich unter dem Tisch - und noch weit mehr ins Gewicht - fällt: Eine Untersuchung der Forschungsgruppe Weltanschaungen in Deutschland ergab, daß über 60% aller in Deutschland Lebenden, die sich selbst als „Moslems“ bezeichnen, in Wahrheit nicht religiös sind. Für diese Menschen hat die Selbstzuschreibung „moslemisch“ offenbar eine rein ethnisch-kulturelle Dimension. In etwa so, wie wenn ein norddeutscher Atheist von sich selbst sagen würde, er sei von seiner Arbeitsethik her „protestantisch“. Religionsfreiheit bedeutet heute, daß in Deutschland Lebende aus „mehrheitlich moslemischen Ländern“ auf der Ebene amtlicher Statistiken nicht die Freiheit besitzen, einer anderen Religion als dem Islam, oder gar keiner Religion, anzugehören - während sich die säkulare deutsche Bundesregierung die Freiheit nimmt, gleichsam stellvertretend für den Islam, Nicht-Moslems, die aus islamischen Ländern stammen, sowie nichtreligiöse „ethnisch-kulturelle“ Moslems zu islamisieren. Zwar auf der fiktiven Ebene der Statistik, aber mit handefsten, religionspolitischen Folgen - cuius regio, eius religio (3).

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(3) Wes der Fürst, des der Glaub‘

Freitag, 17. Dezember 2010

Warum wir über den Islam nicht reden können (6) Das religiöse Empfinden der Nichtreligiösen





Jackson Pollock, Easter and the Totem

Ob sie ihr nun mit Toleranz, Respekt oder auch gleichgültig begegnen – heute scheinen „Ungläubige“ der Religion gegenüber eine entspannte Haltung einzunehmen. Religion wird als Teil der „kulturellen Tradition“ akzeptiert, und daß Nichtreligiöse Ostern oder Weihnachten feiern, oder sich kirchlich trauen lassen, wird als selbstverständlich empfunden. Religion, so scheint es, wird heute von den „Ungläubigen“ nicht als Feind angesehen - aber auch nicht ernst genommen. Der Schein trügt. Während einer Podiumsdiskussion, an der ich unlängst teilnahm, und bei der auch das Thema „Islam und Gewalt“ zur Sprache kam, meinte ein Teilnehmer aus dem Publikum, daß Moslems, die sich an den Koran orientierten, niemals Kriege führen oder Gewalt anwenden könnten. Daraufhin erhob sich ein anderer Teilnehmer und zitierte – ohne jeden weiteren Kommentar - mehrere Koranverse. Unter anderem diesen: Wahrlich in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab. (Sure 8, Vers 12). Die Expertenrunde bestand, wie vermutlich auch der Großteil des Publikums, aus nicht (oder nicht ausgesprochen) religiösen Personen. Die Diskussion war denn auch von der geschilderten nonchalanten Haltung der Religion – hier dem Islam - gegenüber geprägt. Als die Koranverse zitiert wurden, änderte sich die Atmosphäre mit einem Schlag. Die Gelassenheit wich einem Gefühl des Unbehagens und einer seltsamen Anspannung, die sich dann in kritische bis feindselige Wortmeldungen gegen den „Koranzitierer“ entlud, der schließlich als Rassist beschimpft wurde. Offensichtlich hatte der „Koranzitierer“ - im präzisen Sinne des Wortes - ein Tabu verletzt. Nicht, indem er den Islam in ein schlechtes Licht gerückt hätte – er hatte ja bloß aus dem Koran zitiert. Vielmehr hatte er den Islam zu nahe - unzulässig nahe - an uns herangerückt. Was da in offene Aggression umschlug, war jene Tabu-Angst, die Angehörige archaischer Gesellschaften befällt, wenn sie sich in der Nähe eines heiligen und gefährlichen Bezirks wähnen. Dieselbe Tabu-Angst, die das „Ferkelbuch“, indem es Kindern von der alttestamentarischen Sintflut erzählte, bei der deutschen Familienministerin, Ursula von der Leyen, ausgelöst hatte. Die entspannte Haltung (post)moderner „Ungläubiger“ der Religion gegenüber ist Fassade. Dahinter steckt das genaue Gegenteil - nämlich Angst. Tabu-Angst. Man kann sich aber nicht vor etwas fürchten, woran man nicht glaubt. Gott, so der Psychoanalytiker - und Atheist - Jaques Lacan, ist nicht tot, sondern unbewußt.
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Samstag, 11. Dezember 2010


Warum wir über
denIslam nicht
reden können(5)

Früher war der Sex tabu, heute die Religion, sagte Don Camillo





Im Gymnasium war ich als Nicht-Christ vom Religionsunterricht befreit. Dennoch besuchte ich regelmäßig den katholischen Unterricht Don Camillos, eines rundlichen Pfarrers, der seinen Spitznamen seiner Schlagfertigkeit und seiner Streitlust verdankte. Bei Don Camillo hatte jede Unterrichtstunde einen Titel, den er zu Stundenbeginn an die Tafel schrieb. Einmal trug die Stunde den Titel Früher war der Sex tabu, heute die Religion - und Don Camillo leitete sie mit den Worten ein: „Sie dürfen heute alles sein: Kommunist, Atheist, Anarchist, Sadist, Masochist – aber sagen Sie mal: Ich bin fromm!





Don Camillo hatte recht. Die Behauptung, daß Religion tabu sei, hat heute sogar noch mehr Berechtigung als damals, in den Achtziger Jahren, als er sie formulierte. Heute ist Religion allerdings in einem ganz anderen Sinn tabu als es Don Camillo im Sinn hatte. Tabu stammt aus dem Sprachraum Polynesiens und bedeutet "heilig" in einem spezifischen Sinn. Orte, Gegenstände oder Personen, die im Sinne des Tabus heilig sind, müssen streng gemieden werden. Von ihnen geht eine gefährliche Kraft aus. Diese Verknüpfung des Heiligen mit dem Unantastbaren, weil gefährlichen, kennen wir auch aus der christlichen Tradition und der Mythologie der Griechen. Als sich Zeus der sterblichen Semele in seinem vollen Glanz zeigt, verbrennt sie. Und der Auferstandene hält dem Johannesevangelium zufolge Maria Magdalena mit dem Ausruf „Berühr mich nicht!“ („Noli me tangere“) davon ab, ihn zu umarmen.



Eines Tages, sagte der Rabbi, ärgerte sich Gott so sehr über die Menschen, daß er beschloß , alles Leben auf der Erde zu vernichten. ‚Alles Leben?‘, fragte das Ferkel erschrocken, ‚alle Menschenbabys, alle Omas und alle Tiere?‘ ‚Ja, alles Leben‘, antwortete der Rabbi.



Aufgrund dieser Stelle machte der Indizierungsantrag des deutschen Familienmisteriums dem Ferkelbuch den Vorwurf des „Antisemitismus“, da es die jüdische Religion als „menschenverachtend, grausam und mitleidslos“ darstelle. Ursula von der Leyen, die - damalige – deutsche Familienministerin und ihr Familienmisterium zeigten hier exakt dasselbe Tabuverhalten wie die Angehörigen jener polynesischer Gesellschaften, in denen das bloße Aussprechen bestimmter Namen als Tabubruch gilt. Für diese Ministerin im Dienste eines säkularen Staates ist Religion – hier die jüdische – offensichtlich tabu - heilig und zugleich unantastbar. Sie und ihr Ministerium verhielten sich in der Ferkelbuch-Affäre so, als steckten in „der Religion“ tatsächlich gefährliche Kräfte, die beim bloßen Benennen bestimmter religiöser Inhalte freigesetzt werden könnten. Religion ist also heute tabu. Und das nicht nur für das deutsche Familienministerium. Wer heute ernsthaft über Religion redet, ist entweder religiöser Fundamentalist oder fundamentalistischer Religionskritiker. Weshalb man über Religion besser nicht reden sollte. Konsequenterweise forderte die Familienministerin das de-facto-Verbot eines Buches, weil es schlicht nacherzählt, was im Alten Testament (dort allerdings drastischer) über die Sintflut steht: „Ich will den Menschen … von der Fläche des Erdbodens auslöschen, vom Menschen bis zu den kriechenden Tieren, bis zu den Vögeln im Himmel“ (Genesis 6:7).



Demselben Tabu-Verhalten begegnen wir beim (Nicht-)Reden über den Islam. In Diskussionen über den Islam wird bekanntlich über alles mögliche geredet (Migranten, Deutschkenntnisse, Terrorismus), außer über den Islam. In jenen seltenen Fällen, wo jemand dieses Sprechverbot durchbricht und tatsächlich etwas über den Islam sagt - indem er zum Beispiel aus dem Koran zitiert – entsteht eine seltsam peinliche Atmosphäre, als hätte jemand ein obszönes Gehemnis verraten. In weiterer Folge wird dann dem Tabubrecher mitgeteilt, daß es "den"Islam gar nicht gebe, was die niemals ausgesprochene, aber umso wirksamere Konsquenz hat, daß man über diese nicht Existente auch nicht sprechen kann.



Zurück zum Ferkelbuch: Im März 2008 sprach die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien das Ferkelbuch vom Vorwurf des Antisemitismus frei, und lehnte dessen Indizierung ab. Da es ihr ausschließlich um Fragen der Jugendfährdung gehe, sei es des weiteren irrelevant - so die Bundesprüfstelle -, ob das Buch das religiöse Empfinden der Gläubigen verletze.

Was hier, wie in der gesamten Ferkelbuch-Debatte, ausgeklammert bleibt, ist der eigentliche- verborgene - Kern der Affäre: Die religiösen Empfindungen der Ungläubigen.

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Sonntag, 5. Dezember 2010


Warum wir über den Islam nicht reden können (4)



Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel



Zwischen 1970 und 2008 hat sich die Zahl der Konfessionslosen in Deutschland verzehnfacht. Von 3,9% im Jahre 1970 auf 34,1% im Jahr 2008 – Tendenz steigend. In den neuen Bundesländern bezeichnen sich bis zu 80% der Bevölkerung als konfessions- bzw. religionslos (die beiden Begriffe sind nicht identisch). Somit stellen Konfessionslose bereits die Mehrheit - Protestanten und Katholiken kommen jeweils auf rund 30%. In ebendiesem mehrheitlich konfessionslosen Deutschland erschien im Oktober 2007 das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“ des Philosophen Michael Schmidt-Salomon. Darin wird die Geschichte eines Igels und eines Ferkels erzählt, die sich, angeregt durch ein Plakat mit der Aufschrift: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas“, auf die Suche nach Gott begeben. Sie treffen auf einen Rabbi, der ihnen erzählt, Gott hätte den Menschen, weil sie an eingebildete, falsche Götter geglaubt hätten, die Sintflut geschickt. Sie fragen ihn, ob er sich sicher sei, daß nicht auch jener Gott, an den er, der Rabbi, glaube, eine Einbildung sei. Daraufhin wirft er sie aus seinem Gotteshaus. Mit dem christlichen Bischof und dem moslemischen Mufti machen sie ähnlich schlechte Erfahrungen. Der Mufti droht ihnen mit der Hölle, weil sich das Ferkel weigert, sich fünf mal am Tag zu waschen, vor dem christlichen Bischof flüchten sie, nachdem er erklärt, daß es sich bei den „Keksen“, die das Ferkel in der Kirche gefunden und sogleich in den Mund gesteckt hatte, um den Leib Christi handle. Sie halten ihn für einen Kannibalen. In weiterer Folge geraten sich Mufti, Rabbi und Bischof über die Frage, wessen Hölle heißer sei, in die Haare. Am Ende ändern der Igel und das Ferkel die Aufschrift auf dem Plakat. Nun heißt es: „Wer Gott kennt, dem fehlt etwas – nämlich da oben“. „Wo bitte geht’s zu Gott, fragte das kleine Ferkel“ - mittlerweile als das „Ferkelbuch“ bekannt - war Gegenstand heftiger Kontroversen. Wenige Wochen nach seinem Erscheinen beantragte die deutsche Familienministerin es auf den Index jugendgefährdender Medien zu setzen. Die Süddeutsche Zeitung begrüßte das Indizierungsverfahren und bezeichnete das „Ferkelbuch“ als „fundamentalistisch“. Die Zeit lehnte die Indizierung zwar ab, nannte aber Michael Schmidt-Salomon einen „selbstgerechten und eindimensionalen Religionshasser“. Die Neue Zürcher Zeitung befand das „Ferkelbuch“ für „platt“.


Weder bei der Zeit, noch bei der Neuen Zürcher Zeitung, noch auch bei der Süddeutschen handelt es sich bekanntlich um Kirchenblätter. Alle drei gelten als liberal, die Südeutsche als eher links-, die Neue Zürcher Zeitung als bürgerlich-liberal. Und das deutsche Familienministerium ist - wenn auch von Christdemokraten geführt - keine Kirchenbehörde. Waren es beim Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“ liberale, durchwegs nicht-religiöse Intellektuelle, die den Islam vehement in Schutz nahmen, so sahen sich bei der Debatte über das „Ferkel-Buch“ liberale Medien und Organe eines säkularen Staates veranlaßt - in ungewohnt aggressiver Weise - „die Religion als solche“ in Schutz zu nehmen. Die „Ferkelbuch“-Debatte und der Aufruf „Schluß mit der Integrationsdebatte“ sind (bei Gott möchte man sagen) keine kuriosen Einzelerscheinungen, sondern symptomatisch. Sie zeigen auf, wie wir es zu Beginn des 21. Jahrhunderts „mit der Religion halten“. In einem tendentiell religionslosen Europa wird Religion immer heiliger. Wer’s nicht glaubt - und ich spreche diejenigen an, die sich als nichtreligiös, agnostisch oder sogar als atheistisch bezeichnen -, möge sich seine Reaktion vor Augen führen, als er in diesem Artikel, oder wo sonst immer, zum ersten Mal von der Existenz eines religionskritischen oder - um das das Kind beim Namen zu nennen - religionsfeindlichen Kinderbuches erfahren hat.


Offensichtlich stellt heute ein religionsfeindliches Kinderbuch einen ungleich größeren Tabubruch dar – und zwar auch für Nichtreligiöse, Agnostiker, häufig sogar für Atheisten - als Kinderbücher, die sich der sexuellen Aufklärung annehmen.


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Sonntag, 28. November 2010


Warum wir über den Islam nicht reden können (3)



Seid nett zu der Voodoo-Puppe



Wer den Islam sakrosankt stellt und dem Mißverständnis erliegt, er handle dabei antirassistisch, gleicht einem Lehrer, dem man berichtet, in seiner Schule würde ein türkischer Schüler aus rassistischen Motiven gemobbt, u.a. würde - stellvertretend für ihn - eine Voodoo-Puppe mit Nadeln durchbohrt - und der daraufhin die rassistischen Schüler ermahnt, sie mögen bitte nett zu der Puppe sein, Feindschaft gegen Voodoo-Puppen sei rassistisch.


Solch Denken in Kurzschlüssen verstellt den Blick auf das Wesentliche. Der „linksliberale“ Diskurs über kulturellen Rassismus bezeichnet das Reden des Kultur-Rassisten über Religion und Kultur („unsere Leitkultur“, „das christliche Abendland“, „der Islam“) als biologisierend bzw. pseudo-biologisch. "Biologisch" meint hier, daß kulturelle und religiöse Phänomene als verdinglicht, unabänderlich und in fixer Verknüpfung mit bestimmten Ethnien präsentiert werden. So weit so richtig. Die Vorstellung, biologische Merkmale stünden für das Fixe und Unveränderliche, entbehrt in Zeiten der Bio- und Gentechnik allerdings nicht der Ironie. Weit davon entfernt, das Unabänderliche zu repräsentieren, ist Biologie heute jener Schauplatz, an dem uns die grenzenlose Manupulierbarkeit der Grundlagen unserer Existenz vor Augen geführt wird.


Kann es sein, daß der Wunsch, eigene und fremde „Kulturen“ oder Religionen als etwas unveränderliches, unantastbares anzusehen, auch mit Verunsicherungen dieser Art zu tun hat? Nix ist fix, alles scheint auf unheimliche Art in Bewegung (die sozialen Sicherungssysteme, die Arbeitswelt, die Demografie) oder manipulierbar (unsere natürliche Umwelt, unsere Gene), und weil wir das Gefühl haben, wo immer wir hintreten, den Boden unter den Füßen zu verlieren, brauchen wir – und „wir“ meint nicht nur die (Kultur-)Rassisten unter uns - etwas, das und woran wir uns festhalten können, und dieses „etwas“ nennt sich aus irgendeinem Grund heute wieder „Kultur“ oder auch „Religion“.


So weit so banal. Aber mit dem Festhalten ist es so eine Sache. Greifen wir hin, um uns festzuhalten, ist da nichts greifbares. Wer z.B. fragt, was das sein soll „unsere Leitkultur“ oder „das christliche Abendland“, erhält als Antwort im besten Fall weitere, inhaltsleere Worthülsen, im schlimmsten Fall Lächerlichkeiten - oder Gehässigkeiten. Aber ihrer Substanzslosigkeit zum Trotz beherrschen „Leitkultur“, "christliches Abendland" und Co. (und auch das Unwort „Integration“ gehört hierher) seit Jahren nicht nur die politische Debatte, sondern auch das Denken und Handeln der politischen Akteure. Ersatz-Begriffe eines Ersatz-Diskurses, und eine Ersatz-Politik mit Ersatz-Politikern, die aufgehört haben, politisch zu denken und zu handeln. Es ist, als wunderte man sich über einen Lastwagen, den jemand zum Fliegen bringt, indem er ihn an ein paar Luftballons anbindet, bis man begreift, daß der Lastwagen selbst ein gigantischer Lufballon ist.


In ihrer Wirkmächtigkeit, ihrer Unbestimmtheit und ihrer Abwehrfunktion gegen Verunsicherungen aller Art spielen „Leitkultur“ und Co. in der öffentlichen Sphäre eine ähnlich unheilvolle Rolle wie das Gebot des „positiven Denkens“ in der privaten Ideologie postmoderner Erfolgsmenschen.



Bei den Nazis, da war es noch die Rasse, an die nun schon der Dümmste nicht mehr glaubt. Ich würde denken, daß in der nächsten Stufe der regressiven Ideologie es das Positive sein wird, an das die Menschen glauben sollen, etwa in dem Sinn, wie man in Heiratsannoncen die Formulierung ‚positive Lebenseinstellung‘ als etwas ganz besonders Empfohlenes empfindet.“ (Theodor W. Adorno: Vorlesungen zur Negativen Dialektik. Frankfurt, 2007, S. 33ff., Hervorhebungen von mir)


Nun sag, wie hast Du‘s mit der Religion?



Für Kultur-Rassisten (und vergessen wir nicht, solche finden sich mittlerweile auch in den Reihen der Grünen, von den Konservativen und Sozialdemokraten reden wir lieber nicht) funktionieren Begriffe wie „unsere (Leit)kultur“ immer nur als Gegen-Begriffe – vor allem eben gegen „den Islam“, ein Begriff, der seinerseits inhaltsleerer und unbestimmter nicht sein könnte. Über die üblichen medialen Schlagworte hinaus wissen wir über „den Islam“ noch weniger zu sagen, als über „unsere (Leit)kultur“. Mehr noch: Wir dürfen über den Islam nichts (wirklich relevantes) sagen, und dieses unausgesprochene und dennoch sehr wirkmächtige Tabu hat noch andere Gründe als die unglückselige Gleichsetzung der Ablehnung des Islams mit Rassismus.


Um diese Gründe zu verstehen, müssen wir uns - wieder einmal - der Gretchenfrage stellen: „Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?“


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Mittwoch, 24. November 2010

Warum wir über den Islam nicht reden können (2)

Denn sie wissen nicht was sie sagen







G.W.F. Hegel

Ich gehe nicht davon aus, daß die Verfasser des Aufrufs „Schluß mit der Integrationsdebatte“ den Unterschied zwischen Religion und „Rasse“ nicht kennen. Auch wird es nicht in ihrer Absicht gelegen sein, mit der Gleichsetzung von Islamfeindlichkeit und Rassismus ihrerseits eine rassistische Aussage zu treffen. Der Aufruf stellt, im Gegenteil, den ehrenwerten Versuch dar, der rassistischen Normalität unserer Tage in aller Schärfe entgegenzutreten. Was die Verfasser des Aufrufs meinen, steht aber im Widerspruch zu dem, was sie - über die Islamfeindlichkeit - sagen. Die Sprache aber, würde Hegel hier sagen (also das was wir sagen, im Unterschied zu dem, was wir meinen), ist das Wahrhaftere; in ihr widerlegen wir selbst unsere Meinung (2). Anders gesagt, handelt es sich hier um eine Art Freud’scher Fehlleistung, die für "liberale" Positionen in der Islamdebatte (oder besser Nicht-Debatte) allerdings typisch - und daher wert ist, näher untersucht zu werden.
Die Gleichung "Islamfeindlichkeit ist gleich Rassismus" geht offenbar vom Konzept des kulturellen Rassismus aus. Von der richtigen These also, daß heute, da der Begriff Rasse diskreditiert ist, fremdenfeindliche Ressentiments in Begriffen der „Kultur“ oder der Religion transportiert und politisch salonfähig gemacht werden („Leitkultur“, „christliches Abendland“, „Kampf der Kulturen“).

Statt aber gegen die unausgesprochenen Grundannahmen eines solchen Ersatz-Rassismus anzuschreiben, statt mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen,

- daß weder Religionen noch „Kulturen“ unauflöslich mit einer bestimmten Ethnie/Nation/„Rasse“ verbunden sind,

- daß Religionen und "Kulturen" keine starren Formationen bilden,

- daß Menschen ihre Religion auch ändern, daß Religionen, wie im Lauf der Geschichte immer wieder der Fall, schlicht aussterben können,

- vor allem aber, daß Individuen nicht auf ihre „Kultur“ oder ihre Religion reduzierbar sind,

stattdessen werden Religionen und „Kulturen“ – hier eben der Islam – in einer fatalen Kurzschlußreaktion quasi heiliggesprochen, und so jeglicher Kritik und jeglicher substantieller Debatte entzogen:
Kritik am Islam = Islamophobie = Rassismus.
Der „linke“ Kritiker des rechten Rassisten, der angetreten war, dessen als Islamfeindlichkeit getarnten Rassismus in Schranken zu weisen, überholt diesen also am Ende noch rechts – Hegel schau oba …!

Augenfällig wird diese versteckte Heiligsprechung des Islams etwa am Argwohn, der den organisierten Ex-Muslimen entgegenschlägt. In liberalen und "linken“ Medien des deutschen Sprachraums werden Ex-Muslime häufig als schrille HysterikerInnen dargestellt, deren persönliche Betroffenheit ihnen ein angemessenes Reden über den Islam verunmöglicht.
Während man also im Iran über den Islam redet, indem man nicht über ihn redet (sondern über "die Araber"), man in Europa (nur scheinbar) über den Islam redet, und die Araber (und Türken) meint, oder aber jedes substantielle Reden über den Islam verunmöglicht, indem man ihn sakrosankt stellt, werden Iraner (oder Türken oder Araber), die sich in Europa kritisch über den Islam äußern, oder sich gar von ihm abwenden, als Menschen wahrgenommen, die nicht (angemessen) über den Islam reden können – und es daher am besten unterlassen sollten.

Im Iran selbst, wie in einigen anderen islamischen Ländern, steht auf die Abkehr vom Islam im übrigen die Todesstrafe.

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(2) G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Stuttgart, 1988, S. 82


Sonntag, 21. November 2010


Warum wir über den Islam nicht reden können (1)

Als Rassismus getarnte Ablehung des Islams – oder: Warum gerade die Araber?

Ein Nicht-Iraner, der einen Iraner als Araber bezeichnet, macht diesen Fehler kein zweites Mal. Zu verstörend ist dessen, für den ahnungslosen Nicht-Iraner ganz unerwartete Reaktion. Zu sagen: Iraner mögen keine Araber wäre untertrieben. Man kann durchaus von einem hasserfüllten Ressentiment sprechen.

Würde es unser nicht-iranischer Gesprächspartner wagen, nach den Ursachen dieses Ressentiments zu fragen (in der Realität würde er es, nach der Reaktion seines iranischen Gesprächspartners, eher nicht), würde er dahingehend aufgeklärt, daß der kulturell hochstehende Iran im 7. Jahrhundert von den „primitiven“ Arabern erobert wurde. Würde der Nicht-Iraner an dieser Stelle nicht das Thema wechseln (was in der Realität wohl der Fall wäre), würde er erfahren, daß der Iran auch von Alexander dem Großen und den Mongolen erobert wurde, daß der Mongolensturm im 13. Jahrhundert stattfand, also jüngeren Datums ist als die arabische Eroberung. Daß die Mongolen bei ihrer Eroberungszügen ungleich brutaler vorgingen als die Araber (die auch nicht zimperlich waren). Daß es aber im Iran weder ein Ressentiment gegen Mongolen noch gegen Griechen gibt. Unser nicht-iranischer Gesprächspartner müßte sich daher die Frage stellen: Warum gerade die Araber?


Die Antwort auf diese Frage wird die Tatsache berücksichtigen müssen, daß – im Unterschied zu den Griechen und den Mongolen – die Araber den Iranern den Islam „gebracht haben“ - und man muß kein Psychoanalytiker sein, um daraus zu schließen, daß die Iraner den Islam meinen, wenn sie die Araber bashen. Bewußt oder – in den meisten Fällen – unbewußt scheint die Chiffre Araber für den Islam zu stehen: Die tiefsitzende, meist unbewußte Abneigung gegen die eigene Religion tarnt sich als rassistisches Ressentiment. (1)


Ist – umgekehrt - die Ablehnung des Islams Rassismus?


In Europa gibt es dazu ein interessantes Pendant, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Recht(sextrem)e Parteien, die mittlerweile bis tief in die sogenannte politische Mitte hinein die Diskurshoheit erobert haben, reden über den Islam und meinen die Türken, wie z.B. in Österreich, oder - wie etwa in Frankreich - die Araber. Auch hier handelt es sich, wie im Falle des iranischen Anti-Arabismus, nicht um einen bewußten, rein taktisch motivierten Etikettenschwindel. Der Anti-Islamismus der europäischen Rechten (und Konservativen und Teilen der Sozialdemokratie ...) ist durchaus authentisch. Als es zum Beispiel anläßlich der Erstürmung der sogenannten Gaza-Flotte durch israelisches Militär im Mai 2010 in Wien zu antiisraelischen Demonstrationen kam, an denen vorwiegend Muslime teilnahmen, und bei denen auch offen antisemitisch gehetzt wurde („Hitler erwache!“), war es ausgerechnet die traditionell antisemitische FPÖ, deren Repräsentanten sich häufig an der Grenze zur nationalsozialistischen Wiederbetätigung bewegen, die sich darüber am lautesten echauffierte.


Bis hierher scheinen die Debattenlage, und auch mögliche Lösungsansätze, klar auf der Hand zu liegen: Man müßte den Rassisten einfach die Anti-Islam-Maske (gerade auch, wenn sie diese selbst verinnerlicht haben) vom Gesicht reißen, und das rassistische Ressentiment in all seiner Erbärmlichkeit bloßstellen. In der Realität der politischen Debatte erscheint die Sache aber nicht so einfach. Mittlerweile scheint es sich nämlich nicht mehr um eine simple Vertauschung (Ablehnung des Islams statt Rassismus) zu handeln, sondern um eine seltsame Verschmelzung der beiden Diskurse, die, nachdem sie nun einmal passiert ist, irreversibel erscheint. Und die sich - paradoxerweise - am besten an den Reaktionen deklarierter Gegner rassistischer Hetze ablesen läßt.


Etwa in dem Anfang November publizierten (an sich unterstützenswerten) Aufruf deutscher und österreichischer Intellektueller „Schluß mit der Integrationsdebatte“. Es heißt dort:



„Islamfeindlichkeit bietet eine wesentlichen Anknüpfungspunkt für mediale Auseinandersetzungen, denn Islamfeindlichkeit wird nicht als Rassismus anerkannt“.


Für die Verfasser des Aufrufs ist Islamfeindlichkeit also Rassismus. Statt die Vertauschung der beiden Diskurse (des Anti-Islam-Diskures mit dem Diskurs der Rassisten) zu kritisieren - was zur Voraussetzung hätte, zur Kenntnis zu nehmen, daß es sich um zwei grundverschiedene Debatten handelt - und den Anti-Islam-Diskurs als Ersatz-Diskurs für Rassismus zu entlarven, werden, ganz im Gegenteil, Anti-Islam-Diskurs und Rassismus miteinander identifiziert – und der Diskurs der Rassisten damit zementiert: Wer Islamfeindlichkeit mit Rassismus gleichsetzt, erklärt die Zugehörigkeit zum Islam zu einem unabänderlichen, quasi-"rassischen" Merkmal.


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(1) Den in diesem Absatz ausgeführten Gedangkengang verdanke ich dem brillanten Aufsatz "Warum die Feindschaft zu den Arabern?"

"چرا دشمنی با عرب"

http://www.aramesh-dustdar.com/index.php/article/69/

des iranischen Philosophen Aramesh Dustdar.


Sonntag, 14. November 2010

Wunderland, 24








Psychoanalyse, sagte der Geistliche, ist die Schule der Perversion
"Plötzlich standen vier Personen im Zimmer, ein Mann in der Klerikerrobe sowie drei Blaue, die Blauen nahmen meinen Kameraden ihre pornografischen Hefte und mir die Drei Abandlungen zur Sexualtheorie von Freud aus der Hand, ich kannte die Blauen damals noch nicht, aber es fiel mir auf, daß sie Jeanshemden trugen, und nicht viel älter sein konnten als wir. Der Blaue, der mir die Abhandlungen aus der Hand genommen hatte, las laut - und fast feierlich - den Titel und den Namen des Autors:
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Sigmund Freud
Als der Geistliche, der etwas abseits stand, Sigmund Freud hörte, kam er näher, nahm dem Blauen die Abhandlungen zur Sexualtheorie aus der Hand, und sagte, er kenne das Buch. Während seines Studiums der Theologie in Süd-Teheran hätte er auch Freud und andere Philosophen gelesen. Ich wußte von Vater, der gerne über Freud sprach, daß Freud kein Philosoph, sondern Arzt war, das sagte ich auch, was den Geistlichen überraschte, ich war ja erst 17, aber er überging meinen Einwand, und sagte, ich hingegen, in meinem Alter, sollte keine pornografischen Bücher studieren. Ich sagte, daß Freud alles mögliche wäre, aber kein Pornograf - ich war ein vorlauter, altkluger Junge -, der Geistliche schien verärgert, schlug das Buch auf, um eine bestimmte Stelle zu suchen, die er dann vorlas, ich habe die Stelle später gefunden und immer wieder gelesen, und kann sie mittlerweile auswendig:

Die Ärzte, welche die Perversionen studieren, sind geneigt, ihnen den Charakter der Degeneration zuzusprechen. Indes ist es leicht, dies abzulehnen. Bei keinem Gesunden dürfte ein pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen, und diese Allgemeinheit genügt, um die Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens Perversion darzutun.

‚Psychoanalyse‘, sagte der Geistliche, ‚ ist die Schule der Perversion‘, und daß in Teheran unter dem Kaiser die Psychoanalytiker wie die Pilze aus dem Boden geschossen wären, und von den Amerikanern den Auftrag hätten, die Perversionen in Teheran zu fördern. Wenn ein Teheraner sich auf die Couch lege, werde er hypnotisiert und zur Perversion und zu einem Leben voller Parties und Sex und Drogen ermuntert. Der Geistliche hatte eine sonore Stimme, und während er sprach betonte er Worte wie Pilze oder Perversion oder Parties, seine Hände machten seltsame Bewegungen, z.T. geschwungen, z.T. ausladend, z.T. verschlungen, die Blauen und die Kameraden und der Buchhändler, der wie ein Türsteher aussah, lauschten mit offenen Mündern – ich dachte, er wäre, hätte er nicht Theologie studiert, als Theaterschauspieler oder Sänger an der Teheraner Oper geeignet.

Ich wartete bis er fertig war. Dann stellte ich mich hin und sagte: ‚Sie irren‘. Daß ich altklug und vorlaut war, sagte ich schon, in der Schule hatte ich mehrere Redewettbewerbe gewonnen, und liebte es, vermeintlichen oder tatsächlichen Autoritäten zu widersprechen, vor allem hatten mich unsere Eltern als Ungläubigen erzogen, und als solcher wollte ich mir von einem Pfaffen nichts vormachen lassen, zumal in Gegenwart der Kameraden, und schon gar nicht, wenn es um Freud ging, den der Vater so liebte. Ich erklärte, daß es in Teheran zwar tausende Psychologen und Psychiater gäbe, und Psychoterapeuten, Analytiker aber nur einen, einen Lacanisten in Teheran-Nord, der übrigens später flüchten mußte, nach Buenos Aires natürlich, und daß folglich die Perversionen und Parties Geschöpfe seiner, des Geistlichen, Phantasie wären.
Die Hände des Geistlichen machten eine Bewegung, als wäre er eine Frau mit ausladenden und abnehmbaren Brustprothesen, die er packte und ruckartig abnahm. Dann öffnete er den Mund, als wollte er etwas sagen, auf einmal drehte er sich weg, ging zu dem kräftigsten der drei Blauen, und sagte ihm etwas ins Ohr. Dieser packte mich an den Schultern, schob mich mithilfe seiner Kollegen aus der Buchhandlung, man verband mir die Augen, und ich wurde an den Händen gefesselt und in ein Auto gesetzt".

wird fortgesetzt

Samstag, 6. November 2010


Wunderland 23. Teil


Die Blinde Eule
(Aegolius acadicus)


„Dieser Mann“, sagte der Junge, offenbar an den Groben gewandt, aber er sah ihn nicht an, sein Blick war vielmehr auf einen Punkt im Raum, zwischen dem Groben und dem Feinen, fixiert, „dieser Mann, den Kambiz hatte, war ein politischer Häftling.“

Der Feine wollte etwas sagen, schien aber so überrascht, daß er schwieg, der Grobe schüttelte den Kopf, und sagte nichts, draußen dämmerte es, und auch an den anderen Tischen der Deutschsprachigen Gemütlichkeit, an denen mittlerweile lauter Teheraner saßen, herrschte Stille.

„Ich muß etwas sagen“, sagte der Junge, „was ich noch nie gesagt habe, auch den Eltern nicht, Gott habe sie selig.“ Der Junge schien jetzt ein anderer zu sein, nicht mehr der Fröhliche von vorhin, „ich war einmal, nach der Revolution, mit zwei Kameraden in den Straßen von Teheran, auf der Suche nach Büchern“, der Junge suchte jetzt meinen Blick, als wollte er mir etwas erklären - als ich seinen Blick erwiderte, schaute er in sein Bierglas, „nach dem Sieg der Revolution waren überall auf den Straßen von Teheran die unter dem Kaiser verboten gewesenen Bücher, und wenn ich sage auf den Straßen von Teheran, meine ich es wörtlich. Die besten Bücher lagen auf den Trottoirs, ich weiß nicht, wo die Bücher alle herkamen, ganz Teheran war im Buchfieber, so wie meine Kameraden und ich, wir gingen an den vielen, auf den Trottoirs liegenden Büchern entlang, da fiel mir ein Buch mit dem Bild einer Eule auf, und ich wußte sofort, es ist Die Blinde Eule des Dichters Hedayat, ein Roman, den Vater liebte, und immer hat er ihn, Gott habe ihn selig, zitiert - Es gibt Wunden im Leben, die dem Aussatz gleich usw., Die Blinde Eule war unter dem Kaiser nicht verboten gewesen, unter den Klerikern aber schon, allerdings nicht gleich nach der Revolution, seltsamerweise besaß Vater kein Exemplar davon, so daß ich von der Eule zwar immer gehört, sie aber niemals gesehen hatte, ich sah also am Boden Die Blinde Eule, und langte zu, und auch die Kameraden hatten je ein Buch in der Hand, der Buchhändler, ein bulliger Typ, der aussah, wie ein Türsteher, fragte, ob wir Geld hätten, keiner von uns war schließlich älter als 17, wir bejahten, er sagte ‚Ich habe etwas für Euch‘ und wir gingen in den Buchladen, auf der anderen Seite der Straße, ich Die Blinde Eule in der Hand, der Bullige führte uns in ein Zimmer voller pornografischer Bücher und Magazine, die mich nicht interessierten, aber die beiden anderen sehr, in einer Ecke fand ich ein paar wenige,
nicht-pornografische Bücher, in ihrer Mehrzahl von Freud. Vater liebte Freud, genauso wie, oder wahrscheinlich mehr als Hedayat, obwohl Mutter ihn hasste, als wir mit der Revolution kamen, sagte Vater: 'Wir brauchen keine Revolution. Wir brauchen Freud. Er soll kommen - dabei faltete er, wie die AnhängerInnen der Teheraner Religion, seine Hände, und schaute nach oben - er soll kommen und unser neurotisches Elend in gemeines Unglück verwandeln. Und dann: Neurotisches-Elend-in-gemeines-Unglück-verwandeln sag nicht ich, sondern Freud - und er zeigte mit dem Finger zum Himmel.

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Samstag, 30. Oktober 2010


Wunderland 22. Teil

Hans Memling: Michael beim Jüngsten Gericht
„Das war‘s?“, sagte der Grobe, „Und Sam hast Du nie mehr gesehen?“
„Sage ich doch“, sagte der Feine, „er war tot. Es war ein Anschlag. Ein oder zwei Tage vor jenem Abend. Ich hab’s dann in der Zeitung gelesen.“
„Die Volksfront war’s aber nicht“, sagte der Grobe, „Dein Freund …“
„Er war nicht mein … “
„Er wurde von … Ich habe eher die Blauen im Verdacht. Es gab ja damals diesen Machtkampf zwischen der Fraktion von … und …“, es fielen zwei Namen, in der Sprache Teherans, an die ich mich nicht mehr erinnere, „Schade um ihn. Er war talentiert … “, der Grobe unterbrach sich. Offenbar wollte er sich nicht, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, verplaudern, und schaute aus halb zugekniffenen Augen argwöhnisch auf den Feinen: „Hast Du nicht gestanden, daß Du bei den Blauen warst?“
„Ich habe bei den Blauen - einen Reitkurs gemacht. Du weißt schon, in der ehemaligen Hofreitschule des Kaisers. Das war‘s. Und lange nach dem Tod von Sam. So einen Kurs kann jeder belegen, d.h. wer sich den Kursbeitrag leisten kann.“
Der Grobe seufzte, „Dann bleibt mir also nichts übrig“, und es war offensichtlich, daß er diesen Ausgang bedauerte, „als Dich freizusprechen - und die Sitzung für beendet zu erklären.“
Der Grobe, der bei dieser seltsamen Verhanldung offenbar die Rolle des Richters spielte, wandte sich an mich: „Wir sind bei dieser Art der Gerichtsbarkeit auf die Aussagen des Angeklagten angewiesen sowie auf die Schlüsse, die das Gericht aus diesen Aussagen zieht. Weitere Untersuchungen kann es nicht geben. Ein Angeklagter, der von einem Familiengericht freigesprochen wird, muß also nicht unbedingt unschuldig sein.“

Ich fragte mich, was mich das alles anging, und erinnerte mich, daß ich die Brüder wegen ihrer Freundlichkeit in das Wirtshaus begleitet hatte, und um ihnen meine - bis zu jenem Zietpunkt immer noch nicht gestellte - Frage über Teheran zu stellen. Vielleicht hatte ich die Begegnung mit den Brüdern auch nur gesucht, um nicht jener Frau zu begegnen, die, den Kopf an die Mauer des Landhauses gelehnt, von den Politikern Teherans sprach – aber wie konnte ich mir das gedacht haben, resp. neben den Brüdern in der Deutschsprachigen Gemütlichkeit sitzend, von der Existenz jener Frau überhaupt wissen? Denn der Frau mit dem an die Mauer gelehnten Kopf hätte ich ja nur dann begegnen können, wenn ich den Brüdern nicht begegnet, und sie nicht in die Deutschsprachige Gemütlichkeit begleitet hätte.

„Ich gehe davon aus“, der Grobe sprach noch immer zu mir, „daß sich mein Bruder nach unserem Sieg, d.h. nach dem Sieg der zweiten und wahren Revolution, vor einem ordentlichen Gericht wird verantworten müssen. Immerhin steht er im Verdacht, über die Vermittlung seines Schulkameraden, Sam Aschtiani, mit dem Regime kollaboriert und Verbrechen begangen zu haben, u.a. indem er bei den Schauprozessen als Dichter die Geständnisse der Angeklagten verfaßt hat. Auf andere Gerüchte in diesem Zusammenhang will ich nicht eingehen – und die Sitzung hiermit definitiv für geschlossen erklären …“

„Ich erhebe Einspruch“ sagte der Junge, der aussah, als hätte man ihn es aus dem Schlaf aufgeschreckt. Er war blass wie die Wand.

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Montag, 25. Oktober 2010

Wunderland, 21. Teil


Pablo Picasso, Liegender Akt im blauen Bett







"Das Mädchen verschwand in der Tiefe des Raumes, und bald waren hinter jener Türe Geräusche zu hören - Schritte, womöglich auch Stimmen -, als wäre noch jemand dort, oder mehrere. Schließlich kam das Klopfzeichen. Ich zählte bis zehn und stand auf, das Versunkensein hatte mich schwindlig gemacht, aber ich zögerte nicht, als ich bei der Türklinke war, sie zu drücken, und betrat ein Zimmer, das noch dunkler war, ich konnte nichts sehen, auf einmal stolperte ich und kam auf etwas mehr oder weniger weiches zu liegen. Es war das Mädchen. Es lag offenbar auf einem Bett, auf dem Bauch, und ich auf ihr. Sie griff mit ihren Armen nach hinten, hielt mich fest und bewegte meinen Körper – daß sie kräftig war, wunderte mich -, als wäre ich ein Ding, und lenkte mich so, daß ich sie ... “, der Feine hustete, „haben konnte, wie sie gesagt hatte, aber so, daß sie ihre Jungfräulichkeit nicht verlor, Ihr versteht, was ich meine, und während ich sie ... “, der Feine hob sein leeres Glas Bier und hustete wieder, „und während ich sie hatte, bemerkte ich, daß es nicht das Mädchen war, ich meine, es war überhaupt keine Frau, sondern, wie soll ich sagen, ein Mann“.
Der Junge stand auf, war blaß, und ging aufs Klo, wie ich annahm, als er zurückkam, war er blasser. „War das alles?“, fragte der Grobe. „Ich gestehe“, sagte der Feine und hustete, „daß ich nicht aufhören konnte ... d.h. ich konnte, nachdem ich gemerkt hatte, daß es ein Mann war, nicht aufhören, ihn, wie das Mädchen gesagt hatte, zu haben“.
„Und weiter?“ fragte der Grobe. Der Junge sah ihn an, aber abwesend, als würde, was der Grobe sagte, ihn nicht erreichen, resp. nicht interessieren. „Als ich mit dem Mädchen fertig war“, der Feine hustete, immer heftiger „d.h. mit dem Mann, zwang ich mich, aufzustehen, wie einer, der sich aus einem Traum herausreißt, mittlerweile hatten sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt, aber es fiel mir nicht ein, das Mädchen, d.h. den Mann, zur Rede zu stellen, ich stand auf und lief aus der Villa. Ich habe das Mädchen nie mehr gesehen, und daß Sam an jenem Abend schon tot war, erfuhr ich erst später“.

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Montag, 18. Oktober 2010

Wunderland 20. Teil

"Jetzt hörte ich ein Geräusch, es schien von hinten zu kommen, aber ich war mir nicht sicher. Das Mädchen stand auf, stand da, und fixierte einen Punkt am Ende des Raumes, wo in der Halbdunkelheit eine Tür war. Nun fing sie auf einmal an, sich zu drehen, sehr langsam, und während sie sich drehte, legte sie ihre Finger an ihre Lippen, als wäre sie unschlüssig, dann leckte sie ihre Finger, einen nach dem anderen, und fuhr sich, wieder sehr langsam, mit ihren Fingern über den Körper - dabei bückte sie sich, das kann sie nicht sein, dachte ich, aber sie war es, außer daß ihre Haare jetzt kurz waren, hatte sie sich überhaupt nicht verändert, sie bückte sich also, und im Bücken, und halb von mir abgewandt, sagte sie: ‚Du - kannst mich haben‘.
‚Ich kann Dich … Und Sam?‘
- … ich bin aber Jungfrau…
- Wo ist Sam?
- ... und ich will es bleiben …
- Und Sam?
- Er ist da. Er beobachtet uns.

Ich stand auf, und wollte das Mädchen und Sam und die Villa verlassen, da warf sie sich vor mir auf den Boden. Ich versank wieder in jenem Fauteuil, als hätte mich jemand gerempelt, resp. in eine Trance, aus der mich erst die Stimme des Mädchens herausriß, sie sagte „Bitte“, ich sah in ihre Augen hinunter - sie war noch immer am Boden - und hatte auch jetzt kein Gefühl, whatsoever, was mich wunderte, wo ich doch jung und Dichter und Revolutionär war, in den Augen des Mädchens war aber Angst. Sie zeigte auf jene Tür am anderen Ende des Raumes, sagte: ‚Du kannst mich haben‘, und schüttelte, wieder sehr langsam, den Kopf und stand auf - auch ich wollte aufstehen, ‚Bleib sitzen‘, sagte das Mädchen, und zeigte wieder auf jene Tür. ‚Ich gehe vor. Warte noch. Wenn Du mich von innen an die Tür klopfen hörst, zähl bis zehn - und komm nach.‘"

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Sonntag, 10. Oktober 2010

Deportation von Kindern aus Österreich

Wir klagen an!

Der folgende offene Brief wird an ausgewählte europäische Medien sowie an Repräsentanten europäischer Zivilgesellschaften verschickt. Bitte unterschreiben Sie, um unserem Protest gegen die unerträglichen Zustände im österreichischen Asylwesen das nötige Gewicht zu verleihen.

Um zu "unterschreiben", klicken Sie bitte auf "Kommentare" (bzw. "Kommentar veröffentlichen"). Dann klicken Sie am besten auf "Anonym", schreiben den farbigen Schriftzug nach und tragen dann Ihren Namen und Ihre e-mail-Adresse in das Kommentarfeld ein. Wer darüber hinaus auch einen Kommentar verfassen will, ist herzlich willkommen. Danach auf "Veröffentlichen" (gleich unter "Anonym") klicken.

***

Die große Mehrheit der Menschen ist spontan moralisch. Gegen ihre elementare Empfindlichkeit gegenüber dem Leiden der anderen muß sie erst immunisiert werden.
Slavoj Zizek


An die europäische Öffentlichkeit und die Zivilgesellschaften in den europäischen Ländern

Wir klagen an!

Am 6.Oktober 2010 wurden die achtjährigen Zwillinge Dorentina und Daniela Komani – ihre schwerkranke Mutter befindet sich in stationärer Behandlung einer psychiatrischen Klinik in Wien - zusammen mit ihrem Vater von Österreich in den Kosovo abgeschoben. Eine vollbewaffnete Polizeieinheit holte die Mädchen frühmorgens ab und nahm sie, unter Zurücklassung ihres gesamten Besitzes - auch ihrer Stofftiere -, in Schubhaft. Die beiden Mädchen leben seit ihrem zweiten Lebensjahr in Österreich.

Dieser Vorfall stellt den bisherigen Höhepunkt einer besorgniserregenden Tendenz in der Asylpolitik Österreichs – und auch anderer europäischer Länder - dar: Unausgesprochen, doch immer schamloser wird der Unteilbarkeit der Menschenrechte zuwidergehandelt: Die Repräsentanten einer solchen Asylpolitik scheinen Menschenrechte für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht mehr gelten zu lassen.

Maßgebliche politische Kräfte haben in Österreich eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen, in der jene Ressentiments entstehen, auf die dieselben Kräfte dann glauben reagieren zu müssen („Wir müssen die ‚Ängste der Bevölkerung‘ ernst nehmen.“). Sie tun das durch die Verabschiedung von immer restriktiveren, in ihren Konsequenzen oft menschenrechtswidrigen „Fremdengesetzen“. Auf diese Gesetze verweisen sie wiederum, wann immer die brutalen Auswirkungen ihrer Asylpolitik kritisiert werden („Recht muß Recht bleiben!“).

Uns - das sind Österreicherinnen und Österreicher, die diese Tendenzen in der (Asyl)politik ihres Landes mit zunehmender Sorge verfolgen – hat die Nachricht von der Deportation zweier achtjähriger Mädchen, getrennt von ihrer zur Zeit schwerkranken Mutter, mit Wut und Entsetzen erfüllt.

Die Verantwortlichen für die Asylpolitik in Österreich, allem voran das österreichische Innenministerium, verweigern jeglichen substanziellen Dialog mit ihren Kritikern. Kritik wird mit Diffamierung begegnet -"Beratermafia“, „Betroffenheitsindustrie“,
„Kampagnenjournalismus“.

Wir wenden uns daher an die Europäische Öffentlichkeit, um sie - anläßlich der Tragödie der Familie Komani - auf den alarmierenden Zustand des österreichischen Asylwesens aufmerksam zu machen. Und die für diese Politik Verantwortlichen öffentlich anzuklagen.

Wir klagen

das politische Establishment Österreichs, insbesondere

die österreichische Innenministerin,
die österreichische Fremdenpolizei,
die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ),
die österreichische Volkspartei (ÖVP)
und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)

an,

- „Fremdengesetze“ verabschiedet zu haben, die unweigerlich zu humanitären Katastrophen, wie im Fall der achtjährigen Komani-Mädchen, führen.

- im Fall der beiden kosovarischen Mädchen – wie in zahlreichen anderen Fällen – sogar diese Gesetze mit Füßen zu treten: Die bevollmächtigte Rechtsvertreterin der Familie Komani wurde etwa vor laufenden Kameras und völlig rechtswidrig von ihren Klienten getrennt.

- eine Situation geschaffen zu haben, in der Unrecht, das jeglichem zivilisatorischen Standard Hohn spricht, in der Wahrnehmung der österreichischen Öffentlichkeit zur Selbstverständlichkeit zu werden droht. Unrecht wird in der öffentlichen Wahrnehmung als Recht zu etablieren versucht.

Ein solches Vorgehen gegenüber Kindern ist in keinem Land der Erde und durch nichts zu rechtfertigen. Schon gar nicht in Österreich, wo „Kindertransporte“ noch vor einigen Jahrzehnten Bestandteil der nationalsozialistischen Mordindustrie waren. Wer sich in Österreich derart mutwillig gegen die Erfahrungen der Vergangenheit blind stellt, nimmt in Kauf, daß sich diese Vergangenheit oder Aspekte derselben wiederholen.

Wir appellieren an die europäische Öffentlichkeit und an die Zivilgesellschaften in den Ländern Europas,

- bei der österreichischen Bundesregierung gegen den skandalösen Kindertransport aus Österreich zu protestieren - oder ihre jeweiligen Regierungen aufzufordern, dies zu tun.

- die österreichische Regierung aufzufordern, die sofortige Heimkehr der Komani-Kinder und ihres Vaters nach Österreich zu veranlaßen, wo die beiden Mädchen seit ihrem zweiten Lebensjahr zuhause sind.

- die österreichische Regierung aufzufordern, Familie Komani für das an ihnen begangene Unrecht zu entschädigen, und sich bei ihr dafür öffentlich zu entschuldigen.

- die politisch Verantwortlichen in Österreich aufzufordern, dafür Sorge zu tragen, daß Kinder in diesem Land nie wieder in Haft genommen, deportiert oder gewaltsam von ihren Eltern getrennt werden.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Wunderland 19.Teil


"Ein paar Tage nach dem Treffen im Naderi, war ich bei Sam zum Abendessen geladen. Daß ich bis zum Schluß nicht wußte, ob ich hingehen soll, brauche ich nicht zu erzählen, ich will Euch mit meinem Seelenzustand nicht langweilen, nur soviel: Ich ging wegen des Mädchens zu Sam, das ich aber im Grunde nicht sehen wollte.

Sams Villa, d.h. die Villa, die ihm dem Vernehmen nach sein Vater geschenkt hatte, lag im Norden von Elahiyeh, in Nord-Teheran, zu deutsch dem Viertel der Götter. Ich war mit dem Bus gekommen, das letzte Stück mußte ich zu Fuß - und bergauf - zurücklegen. Es war kalt, und wenn ich mich richtig erinnere, Anfang April, man hätte aber glauben können, es sei Herbst, resp. es war eine undefinierbare Jahreszeit. Es dämmerte, aber in meiner Erinnerung ist ein weißes Licht, das mit dem weißen Marmor der Außenfassade der Villa verschmilzt, so daß die Villa unsichtbar ist.


Ich kam zu einem Tor, das wie ein Gartentor in London aussah, aber es paßte nicht zu der Gartenmauer aus Beton. Eine Stimme aus der Gegensprechanlage sagte 'Herein!', aber so sehr ich rüttelte, das Tor blieb verschlossen. Ich kletterte schließlich über die Mauer, sie war nicht hoch, es war mehr ein Überspringen als ein Klettern, der Garten war länglich und schmal, und die hohen und dichten Bäume verbargen die Villen der Nachbarschaft, sofern es sie gab. Ich kam zu einer Türe aus Holz, und läutete wieder, diesmal passierte nichts. Ich wartete, und läutete, und wieder nichts, ich drückte die Türklinke, die übrigens aus Gold war, die Türe war offen - und ohne nachzudenken trat ich in einen Salon voller Stilmöbel. Über einen Wandspiegel brannte ein kleines Licht. Ich fragte: ‚Ist da wer?‘, und kam mir vor wie in einem dieser Filme von Hitchcock, auf einmal versank ich in ein Fauteuil, ich kann mich aber nicht erinnern, daß ich mich in das Fauteuil hineingesetzt hätte, ich saß, auf dem Sitzpolster, aber das Versinken ging weiter - und auch als eine Stimme ‚Tut mir leid‘, sagte, immer noch weiter, es war die Stimme des Mädchens. Ich war weder erstaunt, noch erfreut, noch hatte ich ein anderes Gefühl whatsoever, so wie der Führer der Klerikalen, als er von seinem Exil in Chicago nach Teheran zurückflog, 'Nichts‘ sagte, als man ihn fragte, was er denn fühle. Das Mädchen saß neben mir, auch sie in einem Fauteuil, wir sahen einander nicht an, als wären wir nebeneinander im Kino gesessen.
'Tut mir leid‘, sagte das Mädchen,
und ich: ‚Macht nichts‘. Gut möglich, daß auch aus mir schon, wie jene Stimme aus Sam, ein anderer sprach.
‚Ich war wütend -‘, sagte das Mädchen,.
- Und Sam?, wo ist Sam?
- Und dann ... es gab kein Zurück.
- Kein Zurück …
Und sie: ‚ Er ist da‘,
und ich: ‚Wer?‘,
und sie: ‚Sam. Er beobachtet uns‘.

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Revolution im Iran - Literarische Solidarität

Renate Welsh

Julya Rabinowich
Vladimir Vertlib
Sama Maani

Iranische und nicht-iranische Autorinnen und Autoren lesen und diskutieren

Freitag, 22. Oktober 2010, 19:30

echoraum wien, Sechshauser Straße 66, 1150 Wien
http://www.echoraum.at/

Eintritt: €10/€5

Der Erlös der Veranstaltung fließt an „Ärzte für Menschrechte im Iran - Wien“ http://www.iran-scientists.net/

Wie erlebt man die Revolution in der Heimat aus der Perspektive des Exils?
Für jene Iraner, die schon im Exil waren, als 1979 im Iran eine Revolution ausbrach, berühren die Ereignisse nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 in mehrfacher Weise das Thema Rückkehr: Rückkehr der Erinnerungen an jene Zeit, in der sich,angesichts der durch die 1979er Revolution ausgelösten Hoffnungen, viele von ihnen für die Rückkehr in die Heimat entschieden - um kurz daraufwieder die Rückkehr ins Exil antreten zu müssen. Die Rückkehr der Vergangenheit findet aber nicht nur in der Erinnerung der Exilierten statt. Die aktuelle iranische Protestbewegung als solche wird häufig als eine Reinszenierung der 1979er Revolution wahrgenommen – und es erhebt sich die Frage wie dieser Rückbezug zu bewerten ist: Muss sich die Geschichte immer nur als Farce wiederholen? Oder kann eine revolutionäre Bewegung gerade durch die Reinszenierung ihrer Vorgänger-Revolution diese rückwirkend von ihren Traumen befreien? Solche und ähnliche Fragen - u.a. auch die Frage nach Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen der „Grünen Bewegung“ im Iran und den Revolutionen 1989 in Osteuropa – bilden den thematischen Horizont einer Lesung, mit der ein iranischer Autor und drei nicht-iranische AutorInnen ein Zeichen der Solidarität mit der iranischen Protestbewegung setzen möchten. Im Anschluss an die Lesung ist eine Publikumsdiskussion geplant.

echoraum
Sechshauser Straße 66
A-1150 Wien
Tel 812 02 09 30
echo at echoraum.at
http://www.echoraum.at/

Samstag, 25. September 2010

Wunderland 18.Teil



"... ob das alles - Gott, die Hölle, die
Bestrafung - nicht auchfunktionieren könnte,
wenn man nicht daran glaubt ?"













Herrad von Landsberg, Die Hölle

„Und da erst wurde mir klar, daß sich seine Stimme verändert hatte, und ich fragte ihn, um das Unheimliche zu überspielen, noch einmal, wie er als revolutionärer Frommer ‚Gott und die Scheiße‘ sagen und Schnaps trinken konnte.

Er wäre ungläubig aufgewachsen, sagte Sam, und dennoch hätte er sich immer, oder gerade deshalb, vor dem Gott der Religion Teherans gefürchtet. Als Kind wäre er in der Nacht aufgewacht, und sich nicht weiterzuschlafen getraut, weil er geträumt hätte, als Ungläubiger in der Hölle gefoltert zu werden, und wann immer er später ein Mädchen, Sie verzeihen, gevögelt, oder Alkohol konsumiert hätte, hatte er ein schlechtes Gewissen, obwohl er, bevor er das Glaubensbekenntnis aufgesagt hätte, weder an Gott geglaubt hätte, noch an den Teufel, noch an die grausamen Strafen der Hölle, er hätte sich aber immer gefragt, ob das alles - Gott, die Hölle, die Bestrafung - nicht auch funktionieren könnte, wenn man nicht daran glaubt.

Seit sich jedoch jene Stimme - während des Aufsagens des Teheraner Glaubensbekenntnisses - in ihn eingeschlichen hätte, wäre er ein Anderer. Wann immer er mit der Stimme spreche - aber er hätte die Stimme nicht immer -, sei er gläubig und sage dann, resp. die Stimme sage seltsame Dinge, daß nur der Glaube zähle, der reine Glaube, und nichts als der Glaube, und mittlerweile wären ihm Gott sowie die Religion Teherans, immer wenn er mit der Stimme spreche, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, ganz Plunzn, er habe dann vor nichts und niemandem Angst, auch vor Gott nicht - mich wunderte nicht mehr, daß mein Versuch, ihn zu töten, ihn so kalt gelassen hatte -, und als Glaubender - oder Die-meiste-Zeit-Glaubender, denn er habe ja die Stimme nicht immer – sei es ihm möglich, was ihm als Ungläubiger undenkbar war, nämlich Gott zu verfluchen. 'Ich habe zum Beispiel überhaupt kein Problem, aufzustehen‘, er stand auf, ‚und hier in der Öffentlichkeit

Gott ist Scheiße
zu rufen, das tat er ein paar Mal, und jedesmal lauter, bis er fast brüllte.
Der armenische Kellner kam, mit einem Lächeln, in dem sich Amüsement und Verlegenheit mischten, ‚Ich weiß schon - ein blasphemisches Stück. Aber leise, bitte. Teheran ist schließlich eine Klerikalrepublik‘.
Sam nickte, und leerte im Stehen die Kaffeetasse Schnaps. ‚Ich muß jetzt. In das Hauptquartier‘, er meinte wohl das Hauptquartier der Blauen, und indem er mir seine Karte mit seiner neuen Funktion als Generalsekretär übergab, lud er mich zum Abendessen ein. ‚Meine Frau würde sich freuen‘. Und wieder verkrampfte sich mir - wegen der Art, wie er meine Frau gesagt hatte - meine Hand um das Messer, aber das Messer war ja, wie ich möglicherweise jetzt erst bemerkte, verschwunden".

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Donnerstag, 16. September 2010

Wunderland 17. Teil

"... sondern meine eigene Stimme
wurde zu dieser Stimme aus meinem Bauch."













Der Bauchredner Fedor Wittkowsky alias Henry Rox

"Wuschelkopf-Hippie-religiöser-Faschist-Wuschelkopf-Hippie-religiöser-Faschist-Wuschelkopf-Hippie … versetzte mich in Trance, und diese muß Sam ausgenützt haben, um das Messer verschwinden zu lassen. Als ich zu mir kam, war es jedenfalls verschwunden, und im weiteren Verlauf des Gesprächs versuchte mich Sam zu überreden, mich ihm und seinen religiösen Faschisten anzuschließen. Die Aussicht berühmt zu werden, reizte mich, ich sagte es schon, dennoch machte ich ihm klar, daß ich mich dem religiösen Faschismus, mochte unsere Revolution auch gescheitert sein, nie und nimmer anschließen würde. Ich stand auf, dann setzte ich mich wieder, um ihn zu fragen, wie ausgerechnet er zu den Revolutionären Frommen gekommen sei – statt zu fragen, wie ausgerechnet er zu dem Mädchen gekommen sei, resp. das Mädchen zu ihm, wo doch das Mädchen mit ihm während unserer Schulzeit nie ein Wort gesprochen hatte.

‚Es ist uns nichts anderes übrig geblieben, sagte Sam, ‚ich meine meiner Familie und mir. Vater war ein enger Vertrauter des Kaisers, jeder hat es gewußt, und der Wurstlieferant der Teheraner Armee, die Schwester der Kaiserin war die Freundin von Mutter usw. Als klar war, daß der Kaiser gehen würde, flog Vater zusammen mit einer Abordnung der Großindustrie zum Führer der Klerikalen, damals noch im Exil, in Chicago, um sich ihm öffentlich zu unterwerfen – der Verräter“.
Der Verräter sagte wer? Du?“, fragte der Junge.
„Nein, Sam. Und ich war wieder verwundert, daß er so freimütig sprach. ‚Einen Tag nach seiner Rückkehr von Chicago‘ sagte Sam, ‚rief mich mein Vater zu sich und erklärte: Wir müssen religiös werden - so als würde er sagen: Wir müssen expandieren oder nach Amerika exportieren, oder so. Wie soll das gehen?, fragte ich ihn'. Im Gästesalon wartete ein Kleriker auf Sam und seinen Vater, beide sagten das Glaubensbekenntnis auf, und das ganze wurde auf Video aufgezeichnet. Sam erklärte mir dann das Glaubensbekenntnis, als wäre ich kein Teheraner, sondern ein Bewohner, sagen wir, der Deutschsprachigen Berge: 'Du weißt schon', sagte er, 'diese Formel, die ohnehin kein Schwein versteht, auf Arabisch, mit den vielen O’s u L’s und Gott und die ganze Scheiße“. „Gott und die ganze Scheiße - sagte wer?", fragte der Junge, "Du?“.
„Nein, Sam“, sagte der Feine, „Und ich war wieder verwundert -“,
„ – daß er so freimütig sprach“.
„Ja, und ich fragte ihn, wie er als Vorsitzender der Revolutionären Frommen ‚Gott und die ganze Scheiße‘ sagen und Schnaps trinken könne. Während er das Glaubensbekenntnis aufgesagt hätte, sagte Sam, sei ihm etwas passiert. ,Die ganze Scheiße‘, sagte er, er meinte wohl Gott und die Teheraner Religion, bzw. den Gott der Teheraner Religion, ‚die ganze Scheiße hat auf einmal von mir Besitz ergriffen. Unzwar, wie soll ich sagen, von innen. Es war … es ist mir peinlich ...‘, er senkte den Kopf und schien sich tatsächlich zu schämen, ich hatte Sam noch nie sich schämen gesehen, das paßte nicht zu ihm. ‚Ich spürte auf einmal so ein - Ding im Bauch', er zeigte auf jene Stelle, die die Messerspitze berührt hatte, so was dichtes, kompaktes, glattes, und dieses Ding stieg zu meinem Hals hinauf, und steckte dort fest, und wurde - zu einer Stimme, ich weiß nicht wie, oder war die ganze Zeit schon eine Stimme, keine innere Stimme - sondern meine eigene Stimme wurde zu dieser Stimme aus meinem Bauch“. "Ein Bauchredner“, sagte der Junge, und versuchte zu lachen.
„'Seither habe ich eine andere Stimme', sagte Sam. Und da erst wurde mir klar, daß sich seine Stimme verändert hatte“.

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Freitag, 10. September 2010

Wunderland 16. Teil

"Wuschelkopf-Hippie, religiöser Faschist,
Wuschelkopf-Hippie,
religiöser Faschist und so weiter …"




Hochzeit in Teheran

„‚Und das Mädchen‘, fragte ich, ‚was ist mit dem Mädchen‘? Sam senkte den Kopf. Es wäre ein Fehler gewesen, sie zu heiraten, er liebe sie nicht - nicht mehr, und wahrscheinlich habe sie ihn niemals geliebt, und nur wegen dieses Streits, sagte Sam, im Poesieclub, geheiratet.
„Die haben mit neunzehn geheiratet?“, fragte der Junge, „Warum?“
„Sam war etwas älter, er ist einmal sitzengeblieben, oder zweimal, ich weiß es nicht mehr, aber mit neunzehn, oder zwanzig, zu heiraten, war im Teheran der 70er Jahre nicht üblich, zumindest in der Mittelschicht nicht. Weil die Eltern des Mädchens aber aus dem Süden stammten, ich sagte es schon, und konservativ waren, mußten sie heiraten, wenn sie zusammen sein wollten.

Sam sprach abwechselnd - oder gleichzeitig - über die Poesie und die Politik und die Liebe, alles Dinge, die ihn noch nie interessiert hatten, wie ich ihn kannte, er stellte mir noch weitere, noch wichtigere Posten bei den Faschisten in Aussicht, vor allem wollte er mich berühmt machen, als unseren Dichter, wie er sagte, was die Liebe betrifft, meinte er, er und das Mädchen hätten sich am Anfang leidenschaftlich geliebt, was zu seiner Aussage, das Mädchen hätte ihn niemals geliebt, im Widerspruch stand - meine Hand verkrampfte sich um den Griff des japanischen Messers -, aber wie es in der Liebe so sei, wäre dann die Leidenschaft rasch verflogen“, an dieser Stelle hätte Sam ein Gedicht zitiert, so der Feine, über das Verfliegen der Leidenschaft, das in Teheran bekannt sei, d.h. der Feine übersetzte das seinerzeit von Sam in der Sprache Teherans zitierte Gedicht in deutsche Verse, ich bedankte mich höflich, aber ich erinnere mich nur an Bruchstücke: Erst Vulkan - Dann Balkan, Balkan, dessen zweite Silbe, so der Feine, in der Sprache Teherans betont wird - Balkán -, steht in Teheran, so wie in den Deutschsprachigen Bergen, für Elend.

„Ein Gedicht zu zitieren, schaute Sam, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, nicht ähnlich, und überhaupt schien er wesensverändert. Während er das Gedicht zitierte, hatte er in die Luft geschaut, und ich betrachtete seinen Wuschelkopf und den Bart und dachte, daß er mit dem Wuschelkopf und dem Bart aussah wie ein Teheraner Hippie, und dann, daß er mit dem Bart und dem Hemd, das er bis oben zugeknöpft hatte, und dem braunen Sakko, und ohne Krawatte, aussah wie ein religiöser Faschist, dann wieder wie ein Wuschelkopf-Hippie, dann wieder wie ein religiöser Faschist, Wuschelkopf-Hippie,
religiöser Faschist,
Wuschelkopf-Hippie,
religiöser Faschist
und so weiter …

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Montag, 6. September 2010

Wunderland 15. Teil

„Der Kackl, Du weißt schon, dieser Schmierige, der Reimer von der Faschistenpartei".

"Sam hob seine Kaffeetasse: ‚Auf die Revolution‘, sagte er. Ich stieß, wie reflexartig, mit ihm an, aber sagte nichts. Um anzustoßen verwendeten wir beide die Linke - weil ich ja mit der Rechten immer noch den Griff des japanischen Messers umfaßt hielt, resp. Sam mit der Rechten mein Handgelenk - und unsere Arme überkreuzten sich. Sam sagte etwas über unsere Schuldirektorin, die Lawasani, die erschossen worden war. Dann sagte er: ‚Wir haben‘, er meinte die religiösen Faschisten, ‚wir haben keine Intelligenz‘. ‚Intelligenz‘ “, der Feine wandte sich an den Jungen, „‚wie man ‚russische Intelligenz‘ sagt, also Intellektuelle - aber daß die religiösen Idioten keine Intelligenz hätten, kann man wohl im doppelten Sinne behaupten. Die Religiösen hätten also keine Intellektuellen, so Sam, und wären in anderen politischen Lagern auf der Suche nach solchen, um sie von dort ab- und für ihre Zwecke anzuwerben. Es wunderte mich, daß er über diese Dinge so freimütig sprach. Ich sollte mich noch mehr wundern. ‚Und Du', sagte er, 'bist überhaupt der wichtigste. Was wäre die Revolution ohne die revolutionären Parolen, und daß die Parolen nicht vom Himmel fallen, brauche ich nicht zu erzählen‘. Ich hatte mich schon immer gefragt“, sagte der Feine, „wer die Parolen überhaupt macht, so wie man sich fragt, wer die Witze überhaupt macht. Die Parolen würden nicht vom Himmel fallen, sagte also Sam, ‚Und weil alle Teheraner Dichter sind, brauchen wir den besten aller Dichter‘ Sam hob die Kaffeetasse, und der Kellner brachte ihm eine neue, ich hatte bloß einen winzigen Schluck aus der Tasse genommen, den ersten Schluck Alkohol meines Lebens‚ ‚und nachdem die Teheraner alle Dichter sind', sagte Sam, 'brauchen wir den besten, denn die Parolen, die müssen sitzen‘“.
Der Junge lachte: „Er wollte aus dir einen Kackl machen“. Bei Kackl schaute der Grobe irritiert, so wie der Junge bei Intelligenz irritiert geschaut hatte - der Junge wandte sich an den Groben: „Du weißt schon, Kackl, dieser Schmierige, der Reimer von der Faschistenpartei“. „So was in der Art“, sagte der Feine, „Sam meinte, daß ich, ohnehin keine Wahl hätte, als mich auf die Seite der Faschisten zu schlagen, denn die religiösen Faschisten - und sein Ton wurde an dieser Stelle verschwörerisch – denn die religiösen Faschisten würden alle anderen politischen Lager früher oder später liquidieren.

'Und das Mädchen'?, fragte ich, 'was ist mit dem Mädchen?'"

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Freitag, 3. September 2010

Wunderland 14. Teil

Eine Kaffeetasse Schnaps









„Sam hatte das Messer auf den Tisch gelegt - neben die
Kaffeetasse mit dem Schnaps. Als er sagte, er wäre nicht mehr der Chef der Revolutionären Frommen, sondern ich, fiel mir ein, daß ich gekommen war, ihn zu töten. Ich langte nach dem Griff des japanischen Messers. Sam packte mich am Handgelenk.
- Du gehörts jetzt zu uns.
- Zu uns ...?
- Zu mir und den Revolutionären Frommen.

Die Revolutionären Frommen waren eine Organisation im Vorfeld der Blauen. Man hatte Sam angeboten, Generalsekretär bei den Blauen zu werden, so daß der Posten des Vorsitzenden der Frommen vakant war. Wenige Stunden vor unserem Treffen hatte Sam den Vorstand seiner Revolutionären Frommen über seine Berufung zum General der Blauen unterrichtet, und als seinen Nachfolger mich vorgeschlagen.
Ich sagte, Du seiest der Bruder mit der Parole - und sie waren begeistert.
Du spinnst, sagte ich. Sam lächelte und begann mir meine Aufgaben als Vorsitzender der Frommen auseinanderzusetzen, dabei fuhr er fort, meine Hand festzuhalten, die ihrerseits den Griff des japanischen Messers umfaßt hielt. Auf einmal hörte ich mich brüllen: Was hast Du mit dem Mädchen gemacht? Es war das erste Mal, daß ich in Sams Gesicht - nicht Angst, aber so etwas wie Irritation sah, resp. Sorge.
- Ich ... geheiratet habe ich sie.
Der dicke, vom Akzent her armenische Kellner war wieder da, und zwinkerte uns zu: Ich weiß schon - Liebesdrama, und servierte auch mir eine Kaffeetasse Schnaps“.

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Montag, 30. August 2010

Wunderland 13. Teil














Café Naderi, Teheran




„Ich entschied mich für das Messer“, der Feine wandte sich an seine Brüder, „das die Eltern aus Japan mitgebracht hatten, und das Mutter immer mein bestes Stück nannte. Ich wollte ihm das Messer ein paar Mal direkt und mit voller Wucht ins Herz stechen, dann müßte er sofort tot sein, und ich hätte genug Zeit, um zu fliehen. Es war mir klar, daß meine Chancen, nach dem Mord davonzukommen, praktisch Null waren, aber das ließ mich kalt. Sollte ich doch davonkommen, wollte ich nach Japan. Warum gerade Japan, weiß ich nicht mehr, wegen des Messers wahrscheinlich. In Japan wollte ich japanisch studieren, und die Werke klassischer, japanischer Dichter in die Sprache Teherans übersetzen. Ich schrieb Sam, daß ich ihn gerne treffen wollte, und schlug einen Termin vor, den er ein paar Tage später bestätigte.

An einem kalten, aber sonnigen Tag im März betrat ich zur vereinbarten Zeit das Naderi, übrigens zum ersten Mal. Das Messer befand sich in einer alten Schultasche, die ich auch als Student gelegentlich noch benützte. Ich schaute mich um, Sam war nirgends zu sehen, bis ein Mann mit Vollbart von seinem Tisch aufstand, zu mir kam - es war Sam - und mich überschwenglich begrüßte, und mir die Wangen küsste. Das irritierte mich, so daß ich meinen Plan, ihn zu töten, vergaß, ich begrüßte ihn meinerseits und setzte mich an seinen Tisch.
Sam begann zu reden – ich weiß nicht mehr was -, da fiel mir meine Tötungsabsicht wieder ein. Ich öffnete die Tasche, zog das Messer, und tötete ihn mit mehreren -“. „Was?“, rief der Junge laut, und erregt, und alle in der Deutschsprachigen Gemütlichkeit drehten sich zu uns um. Der Feine lachte. „Nein. Ich zückte das Messer, richtete es auf Sam, und wollte es in seine Brust rammen, auf einmal schien die Luft zwischen meiner Faust und Sam, wie soll ich sagen, aus einem Medium zu bestehen, das weich war, wie Nivea-Crème, dann immer zähflüssiger und härter wurde, wie hartes Plastilin - in diesem Medium bewegte sich das Messer wie in Zeitlupe, bis die Messerspitze Sams Brust erreicht hatte, genauer, einen Punkt unterhalb seines Brustbeins. Ich hatte in Mutters Anatomiebüchern“, der Feine wandte sich an mich, „unsere Mutter hatte eine Zeit lang, bevor sie sich für die Montanistik entschied, Medizin studiert, und ich hatte in einem ihrer Bücher ein Kapitel über die Anatomie des Herzens studiert, und war zu dem Schluß gekommen, daß man, wenn man das Herz treffen will, das Messer nicht direkt in den Brustkorb, sondern, von einem Punkt unterhalb des Brustbeins aus, schräg nach oben stechen muß. Die Messerspitze berührte also diesen Punkt, unterhalb von Sams Brustbein, aber ich konnte das Messer nicht weiterbewegen - das Medium war jetzt steinhart.

Sam hatte die ganze Zeit zugschaut, ganz entspannt, wie mir schien, und fragte schließlich: Was führst Du auf? In diesem Moment erschien ein alter und dicker Kellner, vom Akzent her Armenier, und fragte uns, was wir treiben würden.
Wir sind Künstler, sagte Sam, vom Theater. Schauspieler. Wir proben eine Szene, in der ein Dichter seinen Förderer umbringen will. Der Kellner lachte: Und warum will er seinen Förderer umbringen?
Weil er Dichter ist, sagte Sam. Der Kellner lachte wieder und servierte Sam eine Kaffeetasse, in der sich kein Kaffee befand, sondern Schnaps.
Du trinkst Schnaps? Sam nahm die Klinge vorsichtig zwischen die Finger und entzog mir das Messer. Das Medium zwischen Sam und mir hatte sich in Luft aufgelöst, und auch ich öffnete meine Faust ohne Widerstand. Klar, sagte Sam, in Bezug auf meine Schnaps-Frage, weißt Du‘s nicht mehr? Doch, sagte ich - in der Schule galt Sam schon mit sechzehn als trinkfest, ich hingegen hatte noch nie Alkohol konsumiert -, aber Du bist doch der Vorsitzende der Revolutionären Frommen. Ich nicht mehr, sagte Sam, aber Du".

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Freitag, 27. August 2010

Wunderland 12.Teil



"... und der Beschluß, zu töten, war das Gegengift gegen die üble Melange".


Proletarische Volksfront

„Aber wie kam Sam, der Antirevolutionär und Sohn eines Wurstfabrikanten, zu den Revolutionären Frommen, resp. das Manuskript meines Frauenhassers zu Sam, resp. Sam zu dem Mädchen?

Du wirst Dich fragen, schrieb Sam, wie ich zu Deinen Versen gekommen bin. Meine Frau hat sie mir zum Lesen gegeben – sie sagte: 'Lies mal, das ist was für Dich'.
Ich brauchte Minuten, ich schwöre es, bis ich kapierte, daß mit ‚meiner Frau‘ natürlich das Mädchen gemeint war, und als ich es endlich kapierte … aber ich will Euch mit der Beschreibung meines Seelenzustands nicht langweilen, es ging mir, wie es einem Zwanzigjährigen halt geht, den sein Mädchen ohne Abschied und Erklärung verläßt, und der dann erfährt, daß sie geheiratet hat, nicht irgendwen, sondern seinen Klassenfeind - im doppelten Sinne des Wortes. Um es komplizierter zu machen, ist der Verlassene ein unbekannter, junger Dichter, und der Klassenfeind macht ihm das Angebot, ihn berühmt zu machen.

In den wenigen Zeilen, so Sam, die meine Frau mir gezeigt hat - mehr wollte sie mir nicht zeigen, so sehr ich sie darum bat - habe ich eine tiefe Verwandschaft zu den Idealen und Prinzipien von uns Revolutionären Frommen entdeckt - und weil er davon ausgehe, daß es von solchen Versen mehr geben müsse, schlage er, zur Besprechung unserer Zusammenarbeit zu beiderseitigem Nutzen, ein Treffen im Naderi vor, einem bekannten Künstler-Kaffeehaus in Teheran-Mitte.

Ich beschloß, den Brief zu vernichten, dann ihn an die Proletarische Volksfront zu schicken, die auf Anschläge auf Kleriker und deren Anhängerschaft spezialisiert war, ein paar kannte ich ja von der Volksfront“, der Feine wandte sich an den Groben, der, aber widerwillig, nickte, „Schließlich beschloß ich, es selbst zu erledigen. Zu dem Treffen, das er vorgeschlagen hatte, hinzugehen, und ihn grußlos zu töten. Sobald ich den Beschluß gefaßt hatte, fühlte ich mich, wie soll ich sagen, ganz frei. Es war der schönste Moment. Alles, was mich je geplagt hatte, schien nie existiert zu haben - die Sache mit Mutter“, der Feine wandte sich an den Groben, der wieder nickte, „die Geschichte mit dem Mädchen, der Konflikt mit dem Vater, und daß ich dünn war, und Brillenträger, und unsportlich, und die Zweifel, ob meine Dichtung es wert war, sie Dichtung zu nennen - und das ganze Persönliche verschmolz mit der Enttäuschung über die Revolution, die längst nicht mehr die unsere war, und, um ehrlich zu sein, sie war es niemals gewesen, sondern von Anfang an eine Revolution der religiösen Faschisten – das Persönliche verschmolz mit der Enttäuschung über die Revolution zu einer üblen, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, Melange, die meine Dichterseele vergiftete - und der Beschluß, zu töten, war das Gegengift gegen diese Melange. Bloß hatte ich mich, trotz der ganzen Revolution, nie mit dem Töten beschäftigt. Bei der Revolution hatte es natürlich Tote gegeben, aber das eigentliche Töten kam erst später. Auch kannte ich niemanden, der sich mit dem Töten auskannte, d.h. ich kannte die von der Volksfront, aber wiederum nicht so gut, daß ich mich ihnen hätte anvertrauen wollen - ich mußte mir selbst helfen. Zuerst dachte ich an einen Revolver. Da ich aber in praktischen und vor allem technischen Dingen sehr ungeschickt bin, ein weiterer Bestandteil jener üblen Melange, und den Umgang mit einem Revolver erst hätte lernen müssen, ich Sam aber so schnell wie möglich töten wollte - der Gedanke nicht so schnell wie möglich töten zu können, wäre unerträglich gewesen -, mußte ich auf den Revolver verzichten. Vergiften erschien mir zu weiblich, Erwürgen kam, weil Sam sportlicher und kräftiger war, nicht in Frage. Blieb das Messer".
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